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Balance wird überbewertet- eine provokante These


Ungleichgewicht ist oft eine treibenden Kraft für Veränderung


Balance ist überbewertet

Das hört sich provokant an…


Wo wir doch ständig lesen und hören was wir alles tun sollen um in die Balance zu kommen:

Innere Ausgeglichenheit, Work-Life-Balance,Wohlbefinden,Ruhe,Gesundheit-all das ist assoziiert mit Balance.

Auch im Shiatsu sprechen wir davon dass der Energiefluss in den Meridianen ausgeglichen sein soll,und ein Behandlungskonzept sagt dass deshalb der Meridian mit dem größten Jitsu (Überschuss an Energie) als auch der Meridian mit dem größten Kyo (wenig Energie)behandelt werden sollte um den Körper und das Energiesystem wieder in einen ausgeglichenen Zustand zu bringen.

Wir wollen Extreme vermeiden wenn wir von der dazu notwendigen Balance sprechen.

Wir streben einen organischen Flow an.

Daran ist grundsätzlich nichts falsch!

Und das Streben danach ist auch eine schöne Vorstellung:


Ich erlebe es in meiner Praxis das Beschwerden bereits nach einer Behandlung besser oder sogar verschwunden sind, oft auch erst nach mehreren Behandlungen.

Deshalb wird ja eine Serie von mehreren Shiatsubehandlungen empfohlen.

Doch viele Klienten kommen mit einer bestimmten Problematik immer wieder. Die Beschwerden verschwinden und tauchen dann wieder auf: das Beschwerdebild hat eine chronische Komponente.

Natürlich wünscht sich der Klient dann „das es weg geht“, und es ist auch schwierig als Therapeut nicht zu stark einzugreifen indem man dem Klienten zustimmt ,denn indirekt vermittelt man so dem Klienten das etwas nicht mit ihm stimmt, falls man ihn wegen dieser Beschwerden noch nicht in den gewünschten Zustand der Balance gebracht hat.



Aus medizinischer Sicht ist das ein verständlicher und berechtigter Standpunkt:etwas stimmt mit dem Menschen nicht und deshalb muss diese Krankheit, müssen die Beschwerden beseitigt werden, um den „Idealzustand“ zu erreichen.

Dieser Standpunkt ist aber sehr begrenzend und beleuchtet nur eine Seite der Medaille.

Der Begriff „chronisch“ beschreibt dann eine Krankheit oder ein Zustand der nicht mehr weggeht..man könnte auch sagen ein andauerndes Ungleichgewicht…

Denn eine Krankheit, chronische Beschwerden, irgendwelche psycho-pathologischen Muster können die zwingend notwendige Antriebskraft sein, eine Person in ein neues Stadium im ihrem Leben zu pushen, oder etwas in ihrem Leben grundlegend zu verändern.

Dieses „nicht in Balance sein“ ist wichtig für diese Person.


Es ist wie beim Gehen:

Wenn ich einen Schritt vorwärts machen möchte,muss ich einen Fuß anheben,komme also für einen Moment in einen Zustand des Ungleichgewichts.

Aber dieses kurze Ungleichgewicht bringt mich voran.

Viele Ungleichgewichtszustände sehe ich als den Versuch des Klienten etwas in seinem Leben verändern zu wollen,und womöglich erst mal nicht zu können.

Symptome als Zeichen um neue Möglichkeiten zu entwickeln.

Beseitigt man dieses Symptom dann einfach, ohne das der Klient versteht was dahinter verborgen liegen mag,dann nimmt man irgendwo dem Klienten auch die Antriebskraft,und sein Entwicklungsprozess wird gestört.

In diesen Fällen sehe ich persönlich es als zu starken Eingriff in den Heilungsprozess.

Das Leben scheint dann zwar erst mal leichter und sehr viel angenehmer-

Logisch, denn niemand möchte Schmerzen oder Beschwerden haben.Doch das Leben kann dann auch etwas weniger lebendig sein..

Ausserdem sucht der Körper dann meistens ein anderes Ventil um auf die dahinterliegende Thematik, und den damit verbundenen Drang des anstehenden Entwicklungsprozesses hinzuweisen:

neue Beschwerden tauchen auf und bleiben..

Chronische Beschwerden sind sehr oft Teil des Entwicklungsprozesses.

Der Begriff „chronisch“ beschreibt aus schulmedizinischer Sicht eine Krankheit oder ein Beschwerdebild das nicht mehr weggeht..

(Definition:

„Der Begriff chronisch bedeutet sich langsam entwickelnd, schleichend, von langer Dauer. Eine Erkrankung ist als chronisch zu bezeichnen, wenn sie im Gegensatz zu einer akuten Erkrankung nicht nur lange andauert, sondern auch schwer oder gar nicht geheilt werden kann“)


Man könnte auch sagen ein andauerndes Ungleichgewicht…

Hier ist meine Herangehensweise so, dass ich dem Klienten nicht schnellstmöglich diese Beschwerden nehmen will, und oft würde mir das auch überhaupt nicht gelingen, sondern ich unterstütze ihn dabei durch diesen Prozess zu gehen, helfe ihm dabei die Beschwerden auszuhalten, und den Prozess komplett abzuschließen, damit er nicht mit unerledigtenThemen aus diesem Prozess rausgeht.


Das Therapieziel ist dann den Klienten voranzubringen, ihn dabei zu unterstützen seinen inneren Widerstand zu überwinden der sich gegen eine Veränderung wehrt.

Es geht hier nicht darum den Klienten in Balance zu bringen.


Ich gehe immer schrittweise vor:


Ich versuche herauszufinden welcher tieferliegende Entwicklungsprozess für den Klienten ansteht und woher sein Kampf,seine Bemühungen damit kommen.

Dann helfe ich dem Klienten während der Behandlung ein Bewusstsein zu entwickeln was ihn dabei unterstützt oder daran hindert diese Beschwerden aufzulösen, in der Art wie er mit bestehenden Blockaden und seinem Körper umgeht.

Und darüberhinaus gebe ich ihm Ideen dazu oder Übungen die er zuhause in seinen Alltag integrieren und in seinem Tempo machen kann , um feste und starre Muster im Körper aufzubrechen.


Je mehr man sich Veränderung wünscht, umso wahrscheinlicher ist es das man nicht vorankommt und alles so bleibt wie es ist-die Beschwerden die man unbedingt weghaben will bleiben oder tauchen immer wieder auf.

Genauso ist es wenn man sich damit abfindet wie es ist und die chronischen Beschwerden einfach als gegeben hinnimmt, dann passiert auch keine Veränderung.


Für mich ist chronisch nicht gleichbedeutend mit unheilbar..

Nach meiner Erfahrung passiert eine Veränderung wenn man erst mal das Ziel beiseite schiebt unbedingt eine Veränderung erreichen zu wollen, akzeptiert das der Zustand jetzt so ist, auch wenn es unangenehm ist, und präsent in dem Prozess bleibt ,dann geschieht eine Veränderung!

Mit dem umgehen was jetzt gerade ist ,statt sich einen zukünftigen Idealzustand,Balance zu wünschen.

Ideale wie in Balance sein führen uns weg von der gegenwärtigen Erfahrung dessen wer wir wirklich sind, hindern uns daran voll zu leben weil die Gegenwart sich unzulänglich und fehlerhaft anfühlt und unser Fokus auf einem perfekten zukünftigen Idealzustand liegt.

In der Zukunft kann es zu spät sein.

Ich glaube es ist besser voll zu leben mit dem was jetzt ist und wie man sich jetzt fühlt , als Zeit zu verlieren indem man versucht einen zukünftigen Idealzustand zu erreichen.

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